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Meine persönliche Erfahrung mit COVID |
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In dieser Ausgabe unseres Mitteilungsblattes veröffentlichen wir einen Beitrag von Stefan Candioli, der einen schweren Verlauf von COVID 19 überlebt hat. Obwohl dieses Thema nicht unmittelbar mit der Tätigkeit der SOCREM zu tun hat, sind wir der Ansicht, dass diese realistische Schilderung eines bitteren und selbst erlebten Dramas auch von unseren Lesern geschätzt wird. (Die Redaktion) |
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Ich heiße Stefano Candioli und bin 59 Jahre alt. Ich muss vorausschicken, dass ich die hier geschilderten Ereignisse rekonstruieren musste, weil in meinem Gehirn anfangs alles ausgelöscht war. Aber ich konnte - auch dank meiner Angehörigen – fast alles wieder wachrufen und mich auch an Details erinnern. Ich bin der Leiter des LGR-SPI Büros des AGB-CGIL in Branzoll und arbeite mit anderen Freiwilligenverbänden zusammen. Seit über 35 Jahren bin ich Zeuge Jehovas. Ich habe mich bei einem Verwandten zu Hause infiziert. Er war bei der Arbeit an COVID erkrankt. Ich bin dann mit meiner Frau zum Hausarzt gegangen, um einen Test machen zu lassen, und wir waren beide positiv. Das Haus verwandelte sich bald in ein Krankenhaus, drei von uns waren gleichzeitig erkrankt. Die Sorgen und Ängste waren groß. Das Fieber überstieg bald 39 Grad. Ich wandte mich wieder an den Hausarzt, der mir Antibiotika und Entzündungshemmer verschrieb. Am vierten Tag begann das Fieber zu sinken. Wir dachten, wir hätten es überstanden. Aber als ich sah, dass das Fieber wieder zu steigen begann, kam ein Arzt ins Haus und verschrieb mir weitere Antibiotika. Am sechsten Tag kam ein Ambulanzarzt und wies mich in das Krankenhaus von Bozen ein, wo man feststellte, dass der Sauerstoffgehalt in meinem Blut gesunken war und ich eine beidseitige Lungenentzündung hatte. Als ich in den Krankenwagen stieg, stand ich noch auf den eigenen Beinen. Ich verabschiedete mich von meinen Eltern und beschwichtigte sie: "Mir geht es nicht gut, ich lasse mich untersuchen, ich bin bald wieder zurück.“ Da begann aber eine fünfmonatige Odyssee. Im Krankenhaus wurde ich auf der Covid-Station aufgenommen. Ich erinnere mich nur an Weniges aus dieser Zeit. Ich wurde sofort ohnmächtig, weil mir der Sauerstoff fehlte. Bis heute fühlt sich mein Kopf trübe, nebelig und unruhig an. Ich glaube, es lag am Luftmangel, an der Kurzatmigkeit oder am eingeatmeten reinen Sauerstoff, oder daran, dass COVID bereits mein Gehirn geschädigt hatte. Meine Situation war auch aufgrund innerer Blutungen kritisch. Mein Hämoglobinwert war gesunken, und da ich nach zwei Herzinfarkten ein Herzpatient war, wurde ich intubiert und auf die Intensivstation eines anderen Krankenhauses verlegt. Dort hatte ich eine Thrombose am Schädel, eine Sepsis der Schwere 3 und die Gallenblase war durch COVID angegriffen und vereitert. Die Blutung hörte nicht auf, und da ich Zeuge Jehovas bin, erhielt ich keine Transfusionen. Die Situation war so ernst, dass die Ärzte meine Frau anriefen, um sie auf das Schlimmste vorzubereiten. Ich würde die Nacht nicht überstehen, sagte man ihr, und die Ärzte wüssten nicht, was sie für mich noch tun könnten. Aber die Bemühungen dieser Ärzte führten schließlich doch zu einem Ergebnis. Sie konnten mein Leben retten und einer von ihnen sagte zu mir: "Sehen Sie, Ihr Gott mit ihnen noch etwas vor.“ Er erkannte damit eine Komponente an, die außerhalb der ärztlichen Kunst liegt. Denn nur Jehova kann Kraft geben, die über das normale Maß hinausgeht. (Phil 4:13). Das Zusammenspiel verschiedener Faktoren hat dazu geführt, dass ich es geschafft habe. Es bleibt immer jedoch die Frage, warum ich gut abgeschnitten habe und so viele andere nicht? Warum habe ich mich trotz aller Sorgfalt mit dem Virus angesteckt?
Ab und zu weckten mich die Ärzte aus dem künstlichen Koma auf, um zu sehen, ob ich einen Hirnschaden davongetragen hatte und sie fragten mich: "Wissen Sie, wo Sie sind? Sind Sie im Krankenhaus?“ Ich dachte, ich wäre in den Bergen in einem kühlen Bauernhaus, aber ich lag nackt in einem Krankenbett. Nach 43 Tagen Intubation war das Aufwachen ein Alptraum, ich habe gesprochen und man hat mich nicht verstanden. Eines Tages erlaubten sie meinem jüngsten Sohn endlich, mich zu besuchen, und ich sagte zu ihm: "Bring mich weg von hier, ich will hier nicht mehr bleiben". Am nächsten Tag kam eine Logopädin und brachte mir in mehreren Sitzungen das Sprechen wieder bei. Dann habe ich verstanden und mich beruhigt. Ich war gelähmt, ich konnte keinen Finger bewegen, links und rechts waren Maschinen, Spritzen in meinem Hals, an meinen Armen, ein Schlauch in meiner Kehle, und auf der rechten Seite musste ich den Eiter abführen. Ich betete zu Gott, er soll mich sterben lassen, weil ich nicht für den Rest meines Lebens so bleiben und anderen zur Last fallen wollte. Nach ein paar Tagen kam eine Physiotherapeutin und begann, meine Arme und Beine zu bewegen, und sie versicherte mir, dass alles in Ordnung sei und ich alle Funktionen wiedererlangen würde. Es war meine Aufgabe, zu reagieren. In der Zwischenzeit waren zwei Drittel meiner Lunge geschädigt worden, wie mir mein ältester Sohn nach einem Gespräch mit dem Arzt mitteilte. Und man setzte mir eine Gesichtsmaske auf, die sich bei jedem Atemzug zusammenzog und ausdehnte, ein ständiges Flattern, Tag und Nacht. Ein Alptraum. Ich wollte mich bewegen, aber ich war wie gelähmt. Im Laufe der Tage wechselten dann zwei Stunden mit und zwei Stunden ohne Maske ab. Jedes Mal, wenn mir die Maske aufgesetzt wurde, weinte ich, und als die Krankenschwestern mein Leid sahen, sagten sie verzweifelt zu mir: "Es tut uns leid, aber wir müssen ihnen die Maske zu ihrem eigenen Besten aufsetzen", und auch sie weinten. Am Ende kam ich nur mit nasalem Sauerstoff aus der Intensivstation und wurde zurück auf die Krankenabteilung verlegt. Ein weiteres Trauma erlebte ich, als ich von einer Anti-Dekubitus-Matratze auf eine normale Matratze kam. Es war, als wäre ich auf Steine gebettet worden. Nach fünf Tagen bekam ich eine Wunde am Hintern. Da ich gelähmt war, wurde ich mit Kissen versorgt und nach etwa einer Stunde hatte ich unerträgliche Schmerzen. Also rief ich die Schwester, die mich umdrehte. Ich war nicht der Einzige im Krankenhaus, und sie waren alle überlastet. Nach einer Woche gelang es mir, eine Anti-Dekubitusmatratze zu bekommen, und es wurde besser. Es war eine Qual, meinen Körper wieder zu bewegen, meine Atmung zu stärken und meine Hände ließen sich nicht schließen und ich konnte das Telefon nicht halten, um mit meinen Verwandten zu sprechen. Ich musste jemanden fragen, mir zu helfen, meine Telefonnummer zu wählen.
Das Schlimmste war, dass ich meine Würde bei der Verrichtung meiner
körperlichen Bedürfnisse verlor. Auf der Intensivstation habe ich
alles ins Bett gemacht. Wenn ich nichts ausscheiden konnte, wurde
ich purgiert und dann lag auf meinen eigenen Ausscheidungen. Ich
weiß noch, dass ich einmal vor einem Schichtwechsel purgiert wurde
und zwei Stunden lang im eigenen Kot lag. Das war schrecklich. Auch
auf der COVID Station war ich immer auf Hilfe angewiesen, wenn ich
auf die Toilette gehen wollte und die Geschlechtsteile waschen
musste. Die Krankenschwestern und auch die anderen Pflegepersonen
waren diskret, aber mir war das sehr peinlich. Mit COVID habe ich
meinen Geruchs- und Geschmackssinn verloren. Das Essen schmeckte
immer gleich nach nichts. Ich hatte keinen Appetit. Am Ende hatte
ich 34 kg abgenommen. Über einen Monat lang benutzte ich einen Rollstuhl und eine Rutsche, um vom Bett auf den Stuhl zu gelangen, um mich im Zimmer bewegen zu können. Dadurch wurden meine Muskeln gestärkt, und ich stieg allmählich auf den Rollator um. Aber die größte Errungenschaft war, als ich allein auf die Toilette gehen konnte. Die körperlichen und geistigen Anstrengungen zur Erreichung dieser kleinen Ziele lassen sich nicht wirklich beschreiben. Ich suchte einen Psychologen auf, um einige Flashbacks zu bewältigen, die mich quälten, wie zum Beispiel das plötzliche Aufwachen mit dem Schrecken, keine Luft mehr zu bekommen. Dann entdeckte ich, dass ich im Bett lag, und keine Atemhilfe mehr hatte. Erschwerend kam hinzu, dass aus unbekannten Gründen eine KCP- oder Klebsiella-Infektion diagnostiziert wurde und täglich Blutproben entnommen werden mussten, um nachzuprüfen, ob die Infektion irgendwelche Organe beeinträchtigt hatte. Dann bildete sich ein Bluterguss im Unterleib, der zunächst mit Drainagen und dann mit einer Operation unter Vollnarkose behoben wurde. Schließlich wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen und in eine Rehabilitationsklinik eingewiesen. Anhaltende Schmerzen und Leiden machten die Rehabilitation zu einem Kampf, den ich immer noch führe. Mentale Probleme wie Konzentrationsschwierigkeiten, Wortschatz- und Gedächtnisverlust, Depressionen, Gefühlsarmut und Apathie plagten mich. Ich danke dem öffentlichen Gesundheitswesen, das seine Bedeutung und Funktionstüchtigkeit unter Beweis gestellt hat. Ich danke allen, die mich behandelt und unterstützt haben, den Ärzten, Krankenschwestern und -pflegern, Sozial- und Sanitätsbediensteten, den Physiotherapeuten und meinen Familienangehörigen. Ich danke auch den Kollegen von der Gewerkschaft, die mich auf dem Laufenden gehalten, angerufen und im Rehabilitationszentrum besucht haben. All diese Aufmerksamkeit und Fürsorge waren von grundlegender Bedeutung, gaben mir Vertrauen in die Behandlung und stärkten meinen Willen zur Genesung. Ich habe diese Erfahrungen niedergeschrieben, damit die Menschen verstehen, was COVID sein kann und was es bedeutet, mit dieser Krankheit infiziert worden zu sein, und damit man Respekt vor jenen zeigt, die das durchgemacht haben. Es ist ein sehr dünnes Eis zwischen Leben und Tod. Jene die nicht die erwähnte menschliche Unterstützung erfahren haben, wurden unerbittlich zu Opfern der Krankheit, sie ziehen eine Furche des Leidens hinter sich her und tragen eine sehr schwere Last, die sie allein tragen, weil sie sich unverstanden fühlen und weil die meisten Menschen zwar sehen, wie schwach sie auf ihren Beinen stehen, sich aber nicht vorstellen können, was diese Menschen hinter sich haben. Ich hatte wiederholt um die Impfung gebeten, aber die ersten Impfungen waren für die über 80-Jährigen reserviert. Meine Eltern haben sich impfen lassen, und darüber bin ich froh, aber für mich, der ebenfalls zu einer geschützten Gruppe gehörte, war noch kein Impfstoff da. Jetzt sind die Vorräte da, lasst euch impfen ohne zu zögern. Es ist der schmerzloseste Weg, es ist der einzige Weg, um COVID zu besiegen. Ich denke auch an die vielen Familienmitglieder, die einen Vater, eine Mutter, einen Elternteil, ein Kind verloren haben. Sie haben um ihr Leben und um das ihrer Familienmitglieder gekämpft. Sie haben verstanden, um was es geht, aber sie haben es oft nicht geschafft. Das Virus war stärker. Ich spreche zu ihnen und spreche die Hoffnung aus, die in der Bibel bei Johannes 5, 28-29 zu finden ist, wo von der Auferstehung für alle die Rede ist.
In Liebe und mit einer Umarmung vom mir |