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Als im fernen 1993 die Entscheidung zur
Gründung der Südtiroler SOCREM getroffen wurde, bestand das
hauptsächliche Problem in der Verbreitung der Idee von der
Einäscherung. Es war keine einfache Auffassung, denn in den
Traditionen und in der Kultur des Volkes nahm das Thema vom
post-mortem keinen besonderen Platz ein. Die überbrachten
Traditionen sahen am Lebensende ein Begräbnis und die Beerdigung des
Sarges im traditionellen Friedhof. In den kleinen Ortschaften
unserer Provinz war und ist der Friedhof, so wie wir ihn kennen,
traditionell an die Dorfkirche angrenzend, ein mystischer Ort, wo
sich die Verstorbenen ansammeln um als Dorfbewohner in Erinnerung zu
bleiben, so als wären sie immer noch eine lebendige Gemeinschaft,
die sich im langsamen Verrinnen der Zeit wieder vereint. Die Seelen
ruhen seit langer Zeit im Schatten der Bäume und werden in ihren
Gräbern , liebevoll gepflegt, geschmückt von schmiedeeisernen
Kreuzen, die nicht nur religiöse Symbole darstellen, sondern auch
wunderschöne Kunstwerke.
Auch in Bozen, in der Landeshauptstadt Südtirols gab es in der Nähe
zum Dom den Friedhof mit den charakteristischen Grabstätten, aber
aufgrund urbanistischer Motivationen wurde mit der Stadterweiterung
der Friedhof aufgelöst, um für eine der verkehrsreichsten Straßen
der Stadt, Platz zu gewinnen. In einigen Friedhöfen auf den
Aussenmauern fanden sich noch die Nischen der Überreste von den
seltenen Exhumierungen. In jenem von Oberau,in der Nähe zum Berghang,
gibt es außer den Nischen, die im Volkmund „colombari“ (Taubenschlag)
genannt werden, auch Sargnischen, in denen der Sarg untergebracht
wurde.
In der Einäscherungskultur findet sich ein tieferer ethischer Sinn
über die Verwesung des Körpers, der in kurzer Zeit durch die Hitze
in Asche verwandelt wird, anstatt
viele Jahre in der kalten Erde gelassen zu werden.
Jeder kann frei entscheiden, welche Form den eigenen ethnischen und
moralischen Idealen besser entspricht.
Zurückdenkend an die Gründung der SOCREM, erinnere ich mich, dass
wir in unseren vielen Konferenzen öfters, außer den kulturellen
Motivationen der ethischen Wahl, auch praktische Gründe vorbringen
mussten. Gründe, die sehr oft von einem zahlreichen und aufmerksamen
Publikum verlangt wurden.
Ein wiederholtes Argument war, das der Begrenzung der urbanen
Räumlichkeiten, auch wenn der Slogan: „Die Erde für die Lebenden“
nie von mir und den anderen Vortragenden unterzeichnet wurde, war es
augenscheinlich, dass die Einäscherung indirekt viele Vorteile für
das städtische Territorium bot, da es keiner zusätzlichen Areale
bedurfte.
Aber, und das ist das Besondere an meiner Erinnerung, unsere
Aufmerksamkeit richtete sich häufig auch auf eventuelle Pandemien.
Sicher, das war immer eine weit entfernte Hypothese, die letzte, der
unsere Aufmerksamkeit sich widmete, jedoch konnte man sie auch nicht
ganz vergessen. Ich sprach öfters von dieser fernen Möglichkeit,
mehr um eine Diskussion zu vervollständigen, als konkret daran zu
denken. Im Übrigen hatte davon ja fast niemand eine direkte
Erfahrung und Erinnerungen von ähnlichen Situationen.
Und dann ist es passiert. Der Frühling 2020 hat die ganze Welt mit
der tragischen Realität der Pandemie konfrontiert, auf die sie
unvorbereitet war.
Die historischen Erinnerungen von fernen Seuchen gehen zurück zur
Pest, Cholera und Typhus bis hin zur neueren Spanischen Grippe.
Es sind Erinnerungen aus der Schule, wie die „I Promessi Sposi“ von
Manzoni oder Inschriften auf den Mauern antiker Paläste oder Kirchen,
wo wertvolle Fresken mit Kalk übertüncht wurden, um vielleicht in
der Naivität die Ausbreitung einer mysteriösen Seuche zu verhindern,
von der man nichts wusste und deren Charakteristiken ebenfalls nicht
bekannt waren.
Und dann, ziemlich plötzlich hat die gesamte Menschheit ein immenses
Problem vor sich, ein Problem, das in der heutigen Zeit fast als
unmöglich gesehen wurde.
Das was auch in unserer Stadt Bozen passiert ist, ist eine noch
frische Erinnerung, eine Erinnerung, die so hoffen wir Erinnerung
bleiben wird und sich nie mehr wiederholen soll. Wir alle haben die
Probleme gesehen, vor denen, in jenen schweren und traurigen Tagen
die Betreiber des Krematoriums standen. Dutzende und Dutzende von
Särgen im Warten auf die Einäscherung aufgestapelt und die
Werktätigen, denen unser ganzer Dank gilt, unermüdlich im Einsatz
auch mit Nachtschichten, um die Einäscherungen vorzunehmen. Ein
trauriges Bild, vor allem, weil der für uns enorm wichtige Moment
der Verabschiedung, in dem man sich in der Intimität der Trauer
zusammen mit den Verwandten und Freunden an den Verstorbenen
erinnert, nicht mehr stattfinden konnte.
Ich möchte nicht betonen, wie es ohne die Kultur der Einäscherung
gewesen wäre und ohne das Krematorium, das vor Jahren gerade von der
SOCREM sehr gewollt und unterstützt worden war – vielleicht wenn es
nur die traditionelle Beerdigung gegeben hätte, würden noch viele
Särge in den Gefrierzellen liegen und auf ihre Bestattung warten.
Enrico Farina |