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Meine Annäherung an die Kultur der Feuerbestattung von Enrico Farina Sekretär von SOCREM Bozen |
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Im Frühjahr 1989 traf ich zufällig einen alten Freund von mir, Assessor für öffentliche Arbeiten. „Hallo, Enrico, könnte Dich ein Projektauftrag interessieren, den keiner Deiner Kollegen Architekten übernehmen will?“ – „Natürlich, jeder Auftrag einer Planung interessiert mich, um was handelt es sich denn dabei?“ So entdeckte ich, dass ein Projekt in Bezug auf den Gemeindefriedhof für viele meiner Kollegen nicht verlockend war. In jenen Jahren gab es allerdings keinen Arbeitsmangel, aber die ausgeschriebenen Arbeiten ergaben eine beträchtliche Summe mit dem entsprechenden Entgelt. So unterschrieb ich den Auftrag, ohne viel zu überlegen. Es handelte sich darum, zwei große bestehende Bauwerke mit Nischengräbern, die seinerzeit mit zwei anderen, nie realisierten Spiegelbauten eine Art X formen sollten durch ein neues architektonisches Volumen miteinander zu verbinden. Eine scheinbar einfache Aufgabe, die aber durch axiale Anomalien zwischen den zwei Bauten, die einen nicht unbeträchtlichen Höhenunterschied aufwiesen, ziemlich erschwert wurde. Praktisch wurde die Realisierung von mindestens 600 neuen Nischengräbern verlangt und wie und mit welchen Lösungen das gemacht werden sollte, war meine Sache. Ich muss sagen, dass ich bis dahin den Friedhof allein und ausschließlich bei Begräbnissen besucht hatte. Ich hatte keine Verwandtengräber dort, abgesehen von den Nischengräbern meiner Großmutter und einer entfernten Tante und so waren auch meine Besuche nur sporadisch. In Wirklichkeit war ich fern von jeglicher Bestattungskultur oder Tradition. Ziemlich schnell entdeckte ich eine für mich ganz neue und bis dahin unbekannt gebliebene Welt. Für mein Projekt musste ich den freien Raum zwischen den zwei Gebäuden planimetrisch abmessen und gleichzeitig alle Strukturen erfassen, welche die Bauwerke bilden. Die Gemeinde besaß keine detaillierte Bauzeichnung von ihnen. So musste ich tagelang vor Ort sein, um mit Theodolit, Meterband und anderen Arbeitsgeräten meine Zeichnungen auszuführen. |
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Bau des Krematorium in Bozen |
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„Guten Tag“, sprach mich einmal ein Herr an, der jeden Nachmittag zwischen den Nischen herumspazierte: „Was machen Sie da Interessantes?“ Eine verständliche Neugier gegenüber jemanden, der ein Meterband in der Hand hat und außer Messungen auch noch viele Fotos macht. Ich erklärte ihm kurz aus welchem Grund und in wessen Auftrag ich dort war. Diesen Mann sah ich jeden Nachmittag und wenn ich am Vormittag dort war, war es eine Dame, die zwischen den Nischengräbern spazieren ging. Ich hatte dann Gelegenheit mit dem Friedhofswärter die tägliche Anwesenheit der zwei Personen zu klären. Es war ein Ehepaar, das ungefähr zehn Jahre vorher den einzigen Sohn verloren hatte, der an die zwanzig Jahre alt gewesen war und von dem Tag seiner Bestattung, hatten beide die Aufgabe übernommen, jeden Tag frische Blumen ans Grab zu bringen und dort zu bleiben, morgens die Mutter und nachmittags der Vater und dies von der Öffnung des Friedhofs bis zur Schließung am Abend. Mir fehlten die Worte. Während ich die Marmorplatten der Nischengräber für mein Projekt abmaß, fiel eines Tages mein Blick auf eine Reihe von Haftnotizblättern, die an den Marmorplatten angebracht waren. Ich hatte sie vorher nie bemerkt, es waren sehr viele, die bunt und fast sympathisch wirkend auf vielen Platten sich hervorhoben. „Hallo, Opa, mir geht es gut, ich habe gute Noten in der Schule bekommen…“ – „Lieber Ugo, Du fehlst mir sehr, hier ist alles ok, die Kinder wachsen und ich habe mein Auskommen…“- „Meine süße Amelia, spürst auch Du den Frühling im Kommen? Den Gesang der Vögel und den Duft der Blumen…? Ich denke immer an Dich und bete für Dich…“ – „Gestern war ich beim Arzt, es ist nichts Schlimmes, aber ich muss mich schonen, weißt Du, vielleicht fahre ich für ein paar Tage ans Meer. Einen dicken Kuss…“ Das sind nur einige der vielen Botschaften, die dort aufschienen und aus den Herzen der Verwandten kamen, die sich nicht mit dem Verlust ihrer Lieben abfinden konnten. All das gab mir zu denken. Die Verarbeitung der Trauer wird jedes Mal auf persönliche Weise erlebt und jede Art ist es wert, wegen ihrer menschlichen Tiefe und dem Ausdruck der Liebe respektiert zu werden. So waren die Nischengräber, die ich derzeit entwarf, für viele Menschen nicht nur dunkle Räume für einen Sarg, sondern wie ein zweiter Wohnort, wo ein Verstorbener für die Angehörigen wie pulsierend präsent über ihren Alltag regelmäßig informiert wird. Das machte mich betroffen, weil ich am Ende eines Begräbnisses, wenn der Sarg in die Erde eingelassen oder in ein Nischengrab untergebracht wird, die Verbindung mit der verstorbenen Person als beendet ansah. Aber dem ist nicht so für alle.
Richtig oder falsch? Darüber braucht man
nicht zu urteilen, aber es macht nachdenklich. Ich wusste nichts über diese Prozedur. Bis dahin kannte ich in meinem kargen Bestattungsvokabular nur die Bezeichnungen Begräbnis und Beisetzung. |
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Alter Ausschuss SOCREM Bozen |
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Aus reiner Neugier ging ich zu jener Versammlung. Mittlerweile begann ich am Thema „Nachleben“ Interesse zu finden und es fand es nötig meinen Horizont bezüglich dessen zu erweitern. An jenem Abend lernte ich zwei Träger der lokalen Einäscherungskultur kennen: Aldo Foldi und Elena Graff, und dazu noch viele weitere Personen, darunter kurze Zeit danach auch die unvergessliche Sonja Tomaselli. Ich war überrascht von der hohen Anzahl der Teilnehmer und vom Fachwissen mit welchem sie über die Einäscherungskultur diskutierten. Ich bekannte öffentlich meine Unwissenheit über das Thema. Gleichzeitig begann in meinem Inneren ein Prozess der Analyse und tiefgreifender Betrachtungen. Was stellt der Tod dar? Ich glaube, dass die Philosophie, die Religionen, die Soziologie und viele andere Wissenschaften viele Antworten darauf haben, aber keine ist wirklich umfassend. Der Begriff Tod gehört zu unseren intimsten Gedanken, den tief verborgenen und unerklärlichsten, den streng persönlichen und zu jenen die man nicht verschlüsseln kann. Es ist ein uraltes Gefühl, alt wie der, von den Kulturen, den Traditionen, dem Aberglauben, den verborgenen Ängsten und den rosigsten Hoffnungen geprägte Mensch. Es ist auf jeden Fall ein großes und faszinierendes Mysterium. Die erste Bekanntschaft mit der Einäscherungsethik ließ mich anfangs verwirrt, ungläubig und betroffen zurück. Langsam aber, erlaubten mir meine Ratio und mein Agnostizismus das ganze emotionale Spektrum des Begriffs Tod zu analysieren und mich dazu befähigen, mit dieser unvermeidlichen harten Realität klar zu kommen und in ihr zu agieren. Ich erinnerte mich an die untröstlichen Eltern und an die netten Notizblätter mit denen die Kommunikation mit Verstorbenen gesucht wurde. Und ich fragte mich, ob dies alles einen Sinn hätte. Indem ich mich für mein Projekt in diese Materie vertiefte, betrat ich eine mir unbekannte Welt. Die Nischengräber, an deren Entwurf ich arbeitete, waren sehr gefragt und ganz besonders waren es die sonnigen mit Panoramablick. Der Grund war ein einfacher, die Särge konnten in den Nischengräbern dreißig Jahre lang bleiben, also praktisch dreimal länger als die erdbestatteten. Und die Angehörigen hatten somit eine viel längere Zeitspanne zur Verfügung, um ihre Verstorbenen mit Blumen und Gebeten zu besuchen. Der Tod musste nicht als ein definitiver und plötzlicher Verlust gelebt werden, sondern als eine Begleitung über die Jahre hinweg. |
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Neuer Ausschuss SOCREM Bozen |
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Neben gepflegten Gräbern gab es auch andere die vernachlässigt waren und auch in den Nischengräbern konnte man leicht Spinnweben, verwelkte und vertrocknete Blumen entdecken oder sogar künstliche Dekorationen, die keine Pflege brauchen. Ich hatte auch Gelegenheit andere praktischere Aspekte der wesentlichen Unterschiede zwischen Nischenbestattung und Erdbestattung zu vertiefen.
Die Einsicht in die Regelung und die
Informationen meines Freundes, des Friedhofwärters gaben mir
Gelegenheit meine Kenntnisse zu erweitern. Die, in der Erde eines
alten, oder sogar antiken Friedhofes bestatteten Leichen zersetzen
sich schlecht, weil die Erde mit organischen Substanzen gesättigt
ist und selbst die gierigen Würmer schaffen es nicht ihre Aufgabe zu
erfüllen. Somit muss nach Ablauf des ersten Jahrzehnts nach einer
makabren Besichtigung der Gebeine die Bestattungszeit weiter
verlängert werden. Enttäuscht, erfuhr ich, dass das Timing für die Nischengräber noch trauriger war. Hier handelt es sich um Leichen die in Zinksärgen bestattet werden und sich nicht zersetzen, sondern zur Mumifizierung neigen. Die geplante Regelung sieht vor, dass im Falle einer Senkung des Zinksarges aufgrund eventueller Gase, die sich im Inneren ansammeln können, aus dem Abwasser der Leiche Flüssigkeiten austreten können. Deshalb mussten im Projekt Abwasserkanäle für diese Flüssigkeiten bestimmt werden, damit diese im Inneren des Gebäudes abfließen können und nicht nach außen gelangen, weil das leicht vorstellbare negative hygienische Folgen hätte. Nach Ablauf des dreißigsten Jahres wird der Zinksarg zu Prüfzwecken aufgeschnitten und der Leichnam wenngleich verseift, muss wiederum für weitere sieben Jahre begraben werden, um die Verwesung zu fördern, was nicht einfach ist. Inzwischen hatte ich mein Projekt zur größten Zufriedenheit der Gemeinde fertiggestellt, denn es war mir gelungen eine größere Anzahl von Nischengräbern, als erfordert worden war, fertig zu stellen. |
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Sonja Tomaselli während einer Kundgebung von SOCREM auf dem Walther Platz. Sonja war die erste Sekretärinvon SOCREM und starb im Alter von 51 Jahrenim September 2011 |
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Ich hatte viele Bedenken gegen diese komplizierte und furchtbare Prozedur. Wozu hatte man diese große Aufmerksamkeit und Pflege für leblose Körper, die anstatt einen definitiven und respektvollen Frieden zu finden, in der Totenstarre und teilweisen Mumifizierung in den Särgen so lange Zeit gehalten werden mussten? Was bewog die Menschen dazu, so eine Wahl zu treffen, die außer finanziellen Ausgaben, eine periodische Präsenz nötig macht, welche dann oft die Kinder und Enkelkinder betrifft, die von den Verstorbenen nur schwache und unklare Erinnerungen haben? Jede dieser Wahlen verdient den Respekt in hohem Maße, weil sie alle innerhalb kultureller und religiöser Traditionen wurzeln, die auch die Gefühlsebene prägen. Aber die Einäscherung hatte mein Interesse geweckt. Es handelt sich um ein uraltes Ritual, das bei anderen Völkern dieser Erde das Maximum in der Bestattungsethik darstellt. Bei uns hingegen war es in jenen Jahren ein Tabu. Ich begann dieses Thema zu vertiefen und je mehr ich mich mit dieser neuen Anschauung befasste, umso mehr war ich davon überzeugt. Es geht um eine sehr bedeutungsvolle Praktik, voller Symbolik und Wertungen. Das Feuer als Läuterung, die Wärme, die sich der irdischen Kälte und der Finsternis des Grabes entgegenstellt. Das Licht der Flamme, das den Weg in ein unbekanntes und mysteriöses Jenseits erleuchtet. Eine Praktik, die mit einer einzigen Zeremonie die Verbindung zu den Lebenden beendet, um dem Toten die verdiente definitive Ruhe zu gewähren, ohne andere bürokratische und sanitäre Obliegenheiten. Der Verabschiedungssaal wird zum wesentlichen Kern der Einäscherungskultur. Der Raum, in dem wie in einem antithetischen Kreißsaal eine Existenz geziemend ihr Ende findet und den Angehörigen die Teilnahme wie eine lange Umarmung geboten wird. Die Asche, die sorgsam in einer einfachen Urne untergebracht wird, kann in einem Nischengrab Platz finden, oder auch im Familiengrab. |
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Sie ist inert, erinnert an die Essenz, den warmen Geruch der Erde und die ungreifbare Flüchtigkeit des Sternenhimmels. Im ersten Moment war ich nicht begeistert von der Idee im Feuer zu enden. Da ich, wie es damals notwendig war, eine handgeschriebene Verfügung signiert hatte, schien mir, ich hätte mir damit Unrecht getan. Die Vernunft siegte schließlich und ich begriff, dass es die richtige Wahl war, für mich, für meine Lieben und für die Gemeinschaft. Ich würde nicht dazu beitragen, dass die Friedhöfe erweitert werden müssen und niemand würde verpflichtet sein, mein Grab pflegen zu müssen. Die Erinnerung an mich, wenn vorhanden, würde in den Herzen jener, die mich gekannt und vielleicht geliebt hatten, weiterleben, ohne äußerliche Zeremonien, die nicht immer recht geschmackvoll sind. Nein, meinem Leichnam, wenn es soweit ist, soll im |
Sonja und Aldo Foldi, Gründer der Socrem in Bozen. |
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Abschiedssaal friedlich und heiter der letzte Gruß gelten und noch besser, wenn seine Asche in einer passenden Umgebung, die dafür bestimmt wurde, ohne eklatante Zeremonien verstreut wird. Meine verstreute Asche würde in den Kreislauf der Natur eingehen, ganz ohne vorgefertigte Blumensträuße. Die Erinnerung an mich sollte in den Herzen eingeschrieben sein und nicht auf Grabinschriften im Marmor und noch weniger auf Haftnotizblättern. Diese Anschauung überzeugte mich immer mehr und so wurde ich Mitglied bei der Socrem und war einer der Ersten, der diese Ethik konkret verbreitete. Damit machte ich mir viele Feinde, sei es unter den Katholiken wie unter den Nichtgläubigen. Steinmetze und Blumenhändler kritisierten mich heftig, da sie wohl eine mögliche Einbuße in ihrer Tätigkeit sahen und ganz zu schweigen von einigen grauen und tristen Verwaltern der Bestattungsprozeduren. Am Ende jedoch mit der Verbreitung einer neuen Kultur und einer schnörkellosen Ethik gegen die Heucheleien und die bürokratischen Engpässe hat Socrem sich erfolgreich durchgesetzt. Was der Zufall so mit sich bringt! Wenn ich vor vielen Jahren nicht eines Tages meinem Freund, dem Assessor begegnet wäre, hätte ich nie Gelegenheit gehabt, diese Thematik gründlich kennen zu lernen. Wenn ich mich zu dieser wichtigen Wahl entschlossen habe, so verdanke ich das nicht nur meinen Kollegen, den Architekten, die die Friedhofsplanung nicht anziehend genug fanden, sondern vor allem jenen liebevollen Eltern, die jeden Tag frische Blumen zum Grabmal ihres Sohnes brachten, und den unbekannten, sympathischen Überbringern der Botschaften auf den Notizblättern, geschrieben mit dem Herzen mehr als mit dem Schreibstift. Besser so. |
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