GEWALT GEGEN SENIOREN:
Wir sehen nur die Spitze vom Eisberg
von Paola Taufer

Dieses Phänomen kam 1975 ans Licht, als man anfing von „Granny Battering“ zu sprechen, also von Gewalt gegen Omas.

Jedoch ist sein Ursprung viel älter, denn bereits in der Antike und in vielen verschiedenen Kulturen wurde der Zustand des Alters zwiespältig betrachtet; also, wenn der alte Mensch einerseits die Idee der Weisheit repräsentierte und als Erinnerungsspeicher eines Volkes betrachtet wurde, konnte er andererseits als unnütz und als Last für die Familie wie für die Gesellschaft gelten.

So gab es zum Beispiel im antiken Griechenland eine entgegengesetzte Idee zwischen Sparta und Athen: in Athen wurde der Alte als Weiser betrachtet und hatte einen privilegierten Platz in der Gesellschaft, während in Sparta die geistig-körperliche Verfassung und dessen Verfall im Alter als inakzeptabel galt und man dazu tendierte diese Präsenz zu eliminieren.

Und auch in jüngerer Zeit wurde durch die sozio-ökonomischen und politischen Veränderungen die Vision des Alten abgeändert und von der Person mit Autorität und gutem Hausverstand kam es zur „unproduktiven Person“, die eine Last vor allem für das Rentensystem darstellt.

Der Agismus

Und es ist erst in jüngster Zeit, dass sich eine neue Form von Gewalt gegen die Senioren richtet, die noch ganz entschieden verkannt ist. Der AGISMUS (aus dem Englischen ageism, eine Diskriminierung der Senioren).

Es handelt sich um eine tückische Form des Missbrauchs, bestehend aus negativen Haltungen und Klischees, die sich auf Senioren beziehen, wo die Verherrlichung der Jugend dominiert und gleichzeitig das Alter Abwertung erlebt, und diese Altersgruppe ohne positive Konnotationen betrachtet wird.

Leider gibt es auch noch andere Formen von Gewalt, die immer existiert haben und wenig erforscht werden (was auch eine Form von Agismus bedeuten kann).

Laut eines Berichts der WGO, erlitt im vorigen Jahr 1 Senior/in auf 6 (141 Millionen Personen) eine Form des Missbrauchs.

In Betrachtung der progressiven Überalterung der Bevölkerung schätzt man, dass 2050 die Zahl auf 320 Millionen Opfer steigen wird.

Das sind beeindruckende Zahlen und trotzdem bleibt das Phänomen noch immer zu sehr im Verborgenen.

Die körperliche Gewalt

Es scheint einfacher zu sein, die körperliche Gewaltanwendung zu erkennen, weil sie ihre Spuren auf dem Opfer hinterlässt. In Wirklichkeit aber gibt es viele Fälle, sei es in Privatwohnungen sei es in Altersheimen, wo Hämatome oder Schnittwunden aufscheinen, die man den Unfällen des Senioren (Stürze) zuschreibt. In bestimmten Fällen interessieren solche Traumata Körperteile (z.B den Rumpf), die verborgen bleiben und verschwinden bevor sie entdeckt werden. Fußtritte oder Faustschläge können zu Knochenbrüchen führen, aber man weiß ja, die alten Knochen sind ja so fragil…

So können Einblutungen und Blutergüsse, sogar ein blaues Auge mit Stürzen oder Gleichgewichtsstörungen, die zu Unfällen führen leicht begründet werden.

Die psychologische Gewalt

Genauso schwerwiegend (wenn nicht noch schlimmer) ist der psychologische Mißbrauch.

In diesem Falle ist es oft nur ein kleiner Schritt (manchmal unbemerkt) vom gutmütigen Vorwurf bis zur Demütigung des Senioren.

Es gibt zwei große Segmente psychologischer Gewalt.

Das erste wird als humiliation (Demütigung) bezeichnet. Die alten Menschen werden gedemütigt, sodass sie sich schämen wegen ihrer Beeinträchtigungen, oder der reduzierten Fähigkeiten in Wort und Tat; sie werden gerügt und für ihre körperlichen Behinderungen schuldig gemacht und schließlich werden sie ausgelacht oder lächerlich gemacht für das, was sie nicht mehr können oder falsch machen.

Das zweite Segment wird als harassment definiert, hier handelt es sich um wahre Verfolgung, die Episoden von Präpotenz, Einschüchterung und Drohungen einschließt, bis hin zur Lebensbedrohung. Darin finden sich Episoden von verbaler Agressivität, Zornausbrüchen und Anschreien.

Sexuelle Mißbräuche sind als körperliche und psychologische Gewalt zu sehen. In diesem Bereich werden die meisten Mißbräuche nicht den Außenstehenden bekannt gemacht, aus Angst vor Vergeltungen.

Die ökonomische Gewalt

Eine andere Reihe von Mißbräuchen, die in den letzten Jahrzehnten weiter zugenommen hat, ist die ökonomische Gewalt: sie beinhaltet Diebstähle, Erpressungen, vorgestreckte Erbschaften oder erzwungene Unterschriften.

Verwahrlosung und weitere Formen von Gewalt

Die Verwahrlosung (neglect) ist ein Missbrauch im Vorenthalten; man verneint grundsätzliche Bedürfnisse, angemessene Pflege, tägliche Hilfe und Vernachlässigung.  ( z.B. man lässt die alte Person mit schmutzigen Kleidern).

In einigen Fällen spricht man auch von ärztlicher Gewalt, wenn Medikamente oder ärztliche Visiten ausfallen, die unverzichtbare Hilfeleistungen sind, um eine akzeptable Lebensqualität zu sichern. Man spricht von self-neglect, wenn sich der/die Senior/in gehen lässt, weil ihm die Hoffnung verlässt.

Wer betreibt den Missbrauch?

Wenn in früherer Zeit der Urheber des Mißbrauchs ein Familienangehöriger oder Verwandter, der in wirtschaftlichen Schwierigkeiten war, oder mit Alkoholproblemen zu tun hatte, sind es heutzutage zumeist Angehörige mit depressiven Symptomen und vor allem mit einem hohen Stressfaktor, die eventuell irgend eine Form von Gewalt auf die Schwächeren anwenden. Aber im höherem Ausmaß sind es die Caregiver außerhalb der Familie ( Pfleger, Altenpflegerinnen), die oft überarbeitet und mit psychisch-physischen Problemen unbewusst überfordert sind und die Frust und Wut unvermeidlich auf die Person projizieren, die sie pflegen sollten.

Was tun?

Um die Episoden von Gewalt gegen Senioren zu reduzieren, muss auf mehreren Ebenen gearbeitet werden:

Ausgehend von öffentlichen und professionellen Sensibilisierungskampagnen bis zu Screeningsmaßnahmen (für potentielle Opfer und Protagonisten des Mißbrauchs) zu Programmen (auch in den Schulen) welche die Generationen betreffen und zu spezifischen Eingriffen für Prävention und schließlich die Behandlung des Burnout (der psychisch-physische Zusammenbruch der Pfleger/innen), sei es im Bereich der Sanitäter und der im Sozialdienst Tätigen, sei es bei den privaten Altenpflegerinnen, die zunächst einmal angemessen ausgebildet werden müssen.

Dies alles im Sinne einer Gesellschaft und Gemeinschaft, die durch die Prävention mittels politisch konkreter Aktionen, bemüht sein sollte, die soziale Isolierung der Senioren aufzuheben, welche sie für alle beschriebenen Formen von Gewalt verletzbar macht.

 

 

Am 1. Oktober 2019 bei der EOS, in der Rentschnerstr.42, Bozen wird die Psychologin Paola Taufer für den Alzheimer Verein (ASAA) eine Konferenz über dieses Thema  abhalten.