Die Kälte des modernen Todes

Der Tod eines Menschen gehört in den meisten großen Kulturen zu den Angelpunkten des Lebens. Jean Ziegler beschreibt in seinem Buch Das Imperium der Schande sehr eindrucksvoll, wie selbst die ärmsten Schichten der Äthiopischen Bevölkerung, die dem Hungertod und der Massenvernichtung ausgesetzt sind, verzweifelt und mit erstaunlichem Erfolg um die Erhaltung ihrer uralten Trauerzeremonien und Bestattungsbräuche kämpfen.

Die Art, wie Menschen mit dem Tod umgehen, wie sie sich von ihren Verstorbenen verabschieden, wie sie die Trauer bewältigen – sofern sie überhaupt ein Gefühl der Trauer entwickeln – und wie sie ihre Toten bestatten, wirft ein einmaliges Licht auf die Wertvorstellungen und Gepflogenheiten der Gemeinschaft und des Kulturkreises in dem sie leben.

Das gilt für die moderne Zeit und unsere Art zu leben genauso wie für alte Völker und Kulturen. Deshalb sollten auch wir uns als „moderne“ und „laizistische“ Bürger dieser Zeit nüchtern und ohne Umschweife fragen, wie wir mit dem Tod umgehen.

Unsere Wohlstandsgesellschaft, die übrigens kein Problem damit zu haben scheint, dass sie den Hungertod von Millionen Menschen in den armen und hoch verschuldeten Ländern zum Teil organisiert, zum Teil verursacht und in seiner Gesamtheit zynisch ignoriert, diese Gesellschaft versorgt uns mit einer Überfülle von Konsumgütern, nimmt uns die meisten Lasten des Lebens ab und lässt uns ein Einkommen erwirtschaften, das reicht um einzukaufen, was wir gerade brauchen.

Auch für unsere Gesundheit wird gesorgt.  Das Sterben wird in der „hochmodernen“ Zeit aber „nach außen“ verlagert, nicht restlos, aber doch zum größten Teil. Für das Leben „bis zum letzten Tag“ ist der „Gesundheitsbetrieb“ zuständig. So wertvoll und hilfreich dieser Betrieb auch sein mag, es gibt jedoch eine Kehrseite.

Wer seinen „letzten Tagen“ entgegen geht, wird in unseren „Gesundheitsbetrieben“ professionell behandelt, gepflegt, und oft auch unter großem wirtschaftlichen und technischen Aufwand hartnäckig am Leben erhalten. Gleichzeitig wird er entkleidet und zwar wörtlich und gründlich. Seine bisherige Einbettung in der Gesellschaft wird beseitigt. Funktionen, Aufgaben, Wertschätzungen, Freundschaften...haben in der Intensivstation nichts verloren. Selbst der Besuch von Verwandten wird zeitlich stark eingeschränkt.

Wer in unserer hochmodernen Zeit geht, geht allein, entkleidet, von Professionalität, Technik, Chemie und hohen Kosten begleitet. Rund die Hälfte der Verstorbenen wird kurz darauf zu Asche, die in einer Urne aufbewahrt oder unter freiem Himmel zerstreut wird.

Wer dieser Kälte des modernen Todes eine Abschiedfeier im Krematorium oder eine religiöse Trauerzeremonie entgegensetzt, leistet wertvolle Kulturarbeit, mit der die vollständige Technisierung und Ökonomisierung unseres Lebens, die Vernichtung aller menschlichen Bindungen und Rückbindungen und die Zerlegung unserer Existenz in ihre elementaren Bestandteile, kurz die Barbarei unserer Tage, in Frage gestellt wird.

 

von Josef Perkmann

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